Tungendorf Archiv - Tungendorfer Geschichte - Architektur des Volkshauses
1927-1928 von Ernst Prinz als typische
Heimatschutzarchitektur erbaut:
das Vicelinstift Neumünster.
wikimedia/Wusel007
Auf der säulengerahmten Veranda sollten die Kinder der Warteschule im 
Trockenen spielen können.
Foto: Achiv Tungendorf
Volkshausarchitektur:
Nur das Beste ist gut genug!

Rund 3300 Menschen leben 1919 in der Arbeitergemeinde Tungendorf, 200 Prozent mehr als noch im Jahr 1900. Viele von ihnen finden ihr „Auskommen“ im Reichsbahnausbesserungswerk oder in einer der zahlreichen Fabriken der Stadt Neumünster. Wohnraum ist knapp, die hygienischen Bedingungen oft unzureichend, die Ernährungssituation nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren immer noch mangelhaft. Viele Aufgaben müssen bewältigt werden, was die Gemeinde angesichts ständig prekärer Kassenlage vor immense Schwierigkeiten stellt. Ungeachtet dessen nimmt sie die konkrete Umsetzung eines „Heims für die Jugend und für alle Volksgenossen“ wieder auf, deren Planung bereits 1913 in Angriff genommen wurde, um einen Ort zu schaffen, an dem Menschen physisch und psychisch auftanken können. 

Schulrektor Rudolf Tonner, der Verein Frauenhilfe und Mitglieder der Gemeinde verstehen ihr Engagement für ein „Gemeindehaus“ als „praktischen Sozialismus“, als Fürsorge für die Menschen, als Akt der tätigen Nächstenliebe. Damit setzt sich das sozialreformerische Bildungsbürgertum in Tungendorf wie andernorts bewusst vom „Gespenst des Sozialismus“ ab, welches, so glaubt man, wie ein Damoklesschwert über der jungen Weimarer Republik schwebt. Arbeiter und Bildungsbürger im Gemeinderat sind sich nicht grün. Da gibt es so manchen Schlagabtausch, wenn es darum geht, wer nun die besseren Rezepte dafür hat, die Lebenssituation der Menschen vor Ort zu verbessern. Während Sozialdemokraten, die tiefgreifende Veränderungen anstreben, gern von „humanistischen Gefühlsduseleien“ der bürgerlichen Parteien sprechen, bezeichnet Rudolf Tonner, ein typischer Vertreter des damaligen Bildungsbürgertums, deren Vorschläge schon mal als hohles Geschwätz: „Als die Sozialdemokratie auch im wachsenden Tungendorf Boden gewann, da mussten die Parteifunktionäre merken, dass ihrem Geschwätz vom Sozialismus unser praktisches Tun und Handeln gegenüberstand.“ Auch wenn man sich in der noch jungen demokratischen Republik noch nicht so recht über den Weg traut, ist man doch gezwungen, zum Wohl der Menschen in der Gemeinde Kompromisse einzugehen. In Sachen Jugendheim bzw. Volkshaus gelingt es schließlich, an einem Strang zu ziehen. 
Was die architektonische Gestaltung des zukünftigen Herzstücks der Gemeinde betrifft, geraten alle Beteiligten in den Sog einer Entwicklung, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts ihren Anfang nahm. Man war sich einig: Es musste etwas ganz Besonderes sein. 

Victor Böhmert und der Verein Volkswohl
Seit 1890 waren nahezu europaweit Volkshäuser, auch Arbeiterheime genannt, wie Pilze aus dem Boden geschossen, viele von ihnen auf Initiative von SPD und Gewerkschaften, andere, wie etwa das Volkshaus in Jena (1902) aus Mitteln der Carl-Zeiss-Stiftung, wieder andere auf Initiative eines umsichtigen Sozialreformers, der mit dem 1888 gegründeten Verein Volkswohl großen Einfluss auf andere engagierte Sozialreformer ausübte. Victor Böhmert, Sohn eines evangelischen Pfarrers, lehnte staatliche Wohlfahrtspflege ab und propagierte stattdessen, „versöhnend und anspornend auf weite Volkskreise einwirken“. Das Ziel des Vereins, der 1923 bereits 20.000 Mitglieder zählte und Volkshäuser und Volksparks mitinitiierte, war es, Menschen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft zusammenzuführen und eine gemeinschaftliche Gestaltung der Freizeit, u. a. mit Kultur und Bildung zu ermöglichen. Praktischer Sozialismus à la Rudolf Tonner und dessen Mitstreiter. Victor Böhmert vertrat die Auffassung, für das Volk „sei nur das Beste gut genug“. Man müsse dem Arbeiter „nach des Tages Last und Schmutz schöne, reinliche und luftige Aufenthalts- und Leseräume bieten und dadurch in ihm den Sinn für das Schöne und für edle und geistige Genüsse wecken“. Unabhängig davon forderte er, bei der Ausstattung und Gestaltung der Volksheime Bescheidenheit walten zu lassen und auf die „Lebensgewohnheiten und Mittel der Bedürftigen“ einzugehen, damit „sich auch die minderbemittelten Klassen darin wohl und heimisch fühlen“. Demnach sollte die Architektur und Ausstattung eines Volksheims den bürgerlichen Tugenden Sparsamkeit, Reinlichkeit und Ordnungssinn Ausdruck verleihen, ohne freilich die Ästhetik zu vernachlässigen. 

Die „Kirche der Zukunft“
Einer der Mitbegründer des Volkhausbundes (1917), der Gartenstadt-Pionier Hans Kampffmeyer, formulierte seine Vorstellungen wie folgt: „(…) In den Volkshäusern und auf Grünflächen, die sie umgeben, sollen Männer und Frauen aller Stände, aller Parteien und Bekenntnisse, Jung und Alt, verständnisvoll zusammenarbeiten, um unsere seelische und körperliche Bildung zu fördern, um unser öffentliches, unser politisches Leben zu durchgeistigen und unsere Gesellschaft zu veredeln.“ Der Bau müsse, so Kampffmeyer, „so gewaltig im Ausdruck sein wie ein gotischer Dom“. Er müsse den Ausdruck höchster Empfindung in sich tragen. Der liberale Sozialreformer Friedrich Naumann toppte dies, indem er 1899 das Volksheim mit einer „Kirche der Zukunft“ verglich. Auch die angloamerikanischen Settlements, deren Einfluss auf Tungendorfs Volkshaus unbestritten ist, bauten „Paläste für die Armen“, offene Begegnungs- und Bildungsstätten, deren architektonische Wirkung eine wesentliche Rolle spielte. Die Settlement-Pioniere vertraten unisono ein hierarchisches Gesellschaftsbild, was sich auch in der Wahl ihrer Architekturformen ausdrückte. Nach dem Prinzip „the Best for the Lowest“ wurden hohe Ansprüche an die architektonische Gestaltung und künstlerische Ausstattung der Settlements gestellt. Inmitten der Arbeiterviertel im Stil vornehmer Herrenhäuser errichtet, boten die Anlagen eine Atmosphäre „feudalen Großmuts“, die ihren Besuchern Demut und Respekt abgefordert haben mag. 
Theodor Fischer (1862–1938), ein in München tätiger Architekt, beschwor ein architektonisches Gesamtkunstwerk als Zentrum der Volksbildung und Volkspflege: „Ein Haus, nicht zum Bewohnen für Einzelne und Familien, aber für Alle, nicht zum Lernen und Gescheitwerden, sondern nur zum Frohwerden, nicht zum Anbeten nach diesem oder jenem Bekenntnis, wohl aber zur Andacht und zu innerem Erleben. Also keine Schule, kein Museum, keine Kirche, kein Konzerthaus, kein Auditorium. Und von allen diesen doch etwas und außerdem noch etwas anderes.“ Der wichtigste Raum, da waren sich alle Volkshaus-Visionäre einig, sollte ein großer Saal sein. „Auf die würdige Gestaltung“, so der Volkshausbund, „und Ausstattung dieses Saales ist besondere Sorgfalt zu verwenden. Dann werden sich die Menschen, die an diesen Veranstaltungen teilnehmen, dem Zauber schöner Raumwirkung willig hingeben (…) Der Entwurf möge dem besten Baukünstler übertragen werden, der hierfür gewonnen werden kann.“

Eine „alkoholfreie Gaststätte“
Und die kleine Gemeinde Tungendorf? Sie beauftragte „den besten Baukünstler“: Ernst Prinz, einen der bedeutendsten Reformarchitekten (1878–1974) Schleswig-Holsteins, bereits während des Krieges mit der Planung und Umsetzung. Was der in Westensee geborene Ernst Prinz lapidar und humorvoll auf die Bauformel „also im übertragenen Sinne eine alkoholfreie Gaststätte“ brachte, war ein Großprojekt, welches er sowohl außen- als auch innenarchitektonisch betreute. Was wünschten sich die Beteiligten? Das Programm des Volkshauses zielte auf die Verbesserung der Kinder- und Erwachsenenbildung, auf körperliche Ertüchtigung und geselliges Beisammensein. Aus der Chronik von Rudolf Tonner erfahren wir: „Wir brauchen einen großen Turnsaal mit allen Turngeräten, die weggerollt werden können, sodass der Raum ganz frei wird. An der Stirnwand muss eine gute Bühne Platz finden, die vor allem recht tief gebaut und mit reichlichen Belichtungsmöglichkeiten ausgerüstet sein muss. Daneben ausreichende Ankleideräume für die Schauspieler beiderlei Geschlechts. Unter der Bühne entsteht ein Raum, groß genug, um das gesamte Gestühl für den Saal aufzunehmen. Erwünscht ist eine Galerie an der fensterlosen Langseite entlang, um den Zuschauerraum zu vergrößern. Dann brauchen wir einen Flügel, der folgende Räume aufnimmt: ein Versammlungszimmer in Schulklassengröße für die männliche Jugend, ein zweites für die weibliche Jugend, ferner ein Zimmer für die Volksbibliothek mit Ausgabetheke, und als Räume für den Hauswirtschaftsunterricht der Mädchen eine große Küche mit Herdfeuerung und Gaskocheinrichtungen für vier Familien für je sechs Personen, eine Waschküche für vier Familien, eine Plättkammer, eine Geschirr- und Speisekammer. Im Stockwerk über diesem Flügel sind unterzubringen eine Wohnung für den Hausmeister, eine Wohnung für die technische Lehrerin, die die Mädchenfortbildungsschule führt, und ein Versammlungszimmer in Schulklassengröße für alle Vereine, die nicht an die Gastwirtschaft mit ihrem Trinkzwang gebunden sein wollen: Volksbildungs-, Obstbau-, Ziegenzucht-, Schweinezucht-, Hühnerzucht-Vereine etc. Und einen Flügel zur Unterbringung von Warteschule, Wohnung für Kindergärtnerin, Gemeindeschwester, Frauenhilfsarbeit etc.“ Wenn man das heute liest, stockt einem der Atem. Welch ein Idealismus trieb die Befürworter an, ein derartiges großes Bauvorhaben in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten durchzuziehen! Und das in einer 3300 Seelen zählenden Gemeinde.

Zum Schutz der Heimat
Ernst Prinz gilt als typischer Vertreter der sogenannten Heimatschutzarchitektur, die seit 1900 deutschlandweit in den Vordergrund rückte. Ziel des Heimatschutzstils war die Weiterentwicklung des Historismus (ein Phänomen in der Architektur, das auf ältere Stilrichtungen zurückgriff und diese teilweise auch kombinierte) mit traditionellen, regionaltypischen Bauformen. Stilmerkmale waren u. a. die Anwendung des heimischen Backsteins, Sprossenfenster, Türen und Portale, Gauben und Erker, die Verwendung von Holz, die sorgfältige Gestaltung der Innenräume, Bäume wie Linden und Gärten sowie Symmetrie. Typisch sind Backsteinbauten, wobei sich jedoch auch Beispiele mit Putzfassaden (so wie auch unser Volkshaus – das hatte allerdings Kostengründe) und anderen Gestaltungen finden lassen. Die Bandbreite der Formen reicht von barocken Elementen über die schwungvollen, floralen Ornamente des Jugendstils bis zu einer sachlich-schnörkellosen Funktionalität. 
Um sich gegen die „Übergriffe des modernen Lebens“ und „Eingriffe in die Gebilde der Natur“ zu wenden, wurde 1904 in Dresden der „Deutsche Bund für Heimatschutz“ gegründet, 1908 folgte der schleswig-holsteinische Landesverein. Der Verein war Teil einer Bewegung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Veränderungen durch Industrialisierung und Serienproduktion hinterfragte. Man wollte Beispiele setzen gegen die Industriebaustoffe wie Wellblech und Dachpappe, kahle Brandmauern, beliebig aufgeklebten Fassadenschmuck und die Türmchen- und Erkermanie der Gründerzeit. Der Heimatschutz-Begriff ist heute vielleicht missverständlich; im Kern handelt es sich dabei nicht um etwas Reaktionäres, sondern um eine starke Reformbestrebung, die vom bald geschmähten Historismus und seinen zweitklassigen Nachklängen im Zuckerbäckerstil und mit Pappdach wegwollte und Qualität forderte. 
Das Tungendorfer Volkshaus fällt in die schöpferische Anfangsphase der Heimatschutzarchitektur. Die dreiflügelige Anlage mit großem Walmdach steckt mit seiner barocken Symmetrie noch in den Nachwehen herrschaftlicher Architektur. Die parkartig gestaltete Grünanlage, die von Beginn an eine Einheit mit dem Gebäude bildete, entstand ganz im Sinne der Gartenkunstreform (seit 1900; damals entstanden sehr viele Volksgärten) und spiegelt die Gliederung des Gebäudes. „Der 50 Meter tiefe Vorplatz“, so Ernst Prinz, „ist durch Anpflanzungen so aufgeteilt, dass von einem gemeinsamen Zugang an der Straße gleich deutlich erkennbar für jeden Ankömmling, sich die Gliederung des Bauwerks in den Wegen ausdrückt. Gleich hinter der Eingangspforte wählt der Eintretende die Allee rechts zur Warteschule, links zum Jugendheim und in der Mitte zum Turn- und Gemeindesaal.“ Für Ernst Prinz stand zeitlebens fest: „Kein Bauwerk ist denkbar ohne Seele.“ Und unser Volkshaus hat sie, solange es mit Leben erfüllt wird.

Annerose Sieck, die Archivgruppe
Share by: